Montag , 20 Mai 2013
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Alexander Solschenizyn (u.a.) – Stimmen aus dem Untergrund

[Erstveröffentlichung: 26. November 2008]

Solschenizyn, Alexander – das war ein Name wie ein Signal. Damals in den kleinen Land aus dem ich herstamme. Solschenizyn der “Regimekritiker” (so aber nur im Westen benannt), der “Nestbeschmutzer” (so verharmlosend im Osten)…

Deshalb konnte ich, als ich die­ses Büchlein auf dem Trödelmarkt ent­deckte, nicht daran vor­über­ge­hen. Von Solschenizyn selbst sind hier nur drei Texte ent­hal­ten, die ande­ren Autoren sind mir völ­lig unbe­kannt.

Auf dem Deckblatt des Buches heißt es: “Die hier um Solschenizyn ver­sam­mel­ten Autoren pro­kla­mie­ren eine neue Position des Widerspruchs: die sitt­li­che Revolution.” Wenn es sich dabei um eine reli­giöse Revolution han­delt, dann ist die­ser Satz ver­ständ­lich; ande­ren­falls näm­lich eher nicht.

Solschenizyn selbst begrün­det die Notwendigkeit der gesell­schaft­li­chen Ände­run­gen in der Sowjetunion der 70-iger Jahre vor allem mit der Erstarrung des Denkens, der gesam­ten Gesellschaft, die sich in ihrem selbst­er­nann­ten Sozialismus zur (geis­ti­gen) Ruhe gesetzt hat.
Die Begründung klingt für mich jedoch eher “alt­ba­cken” und ver­sucht phi­lo­so­phisch ohne über Wunschdenken hin­aus zu gehen. ich finde keine revo­lu­tio­nä­ren, die Gesellschaft ver­än­dern­den Ideen und Utopien in sol­chen Sätzen:

Die äußere Freiheit an sich – kann sie zu einem Ziel für bewußt exis­tie­rende Lebenwesen wer­den? Oder ist sie nur eine Form, um andere, höhere Aufgaben zu ver­wirk­li­chen? Seite 28

Weder sagt der Autor, was denn die höhe­ren Aufgaben sein sol­len noch was ihm Freiheit bedeu­tet. Das ist – mei­ner Meinung nach – ein­mal mehr die Benutzung von groß­klin­gen­den Worten. Die aber ohne Definition völ­lig leer und aus­sa­ge­frei blei­ben.
Andere der Autoren möch­ten eine Renaissance der Kirche (der russisch-orthodoxen) um die fest­ge­fah­rene sowje­ti­sche Gesellschaft aus ihrer Agonie zu befreien. Das nun erschließt sich mir nun gar nicht.

Aber es gibt nicht nur Kritikpunkte an den Texten. So schreibt Solschenizyn in einem “Reue und Selbstbeschränkung als Katagorien des natio­na­len Lebens” benann­ten Artikel über die russisch-polnische Geschichte:

Über unsere Schuld an Polen ist bei uns in Rußland genug gere­det wor­den, es hat sich in unse­rem Gedächtnis abge­la­gert, man braucht nie­man­den über­zeu­gen. Seite 142

Doch dann folgt ein geschicht­li­cher Abriss der Verstrickungen der russisch-polnischen Geschichte, der mir als in der DDR-Geschichtsschreibung Aufgewachsener schon einige neue Erkenntnisse brachte.

Dieser Text ist auch wegen der scho­nungs­lo­sen Abrechnung mit der sowje­ti­schen Außenpolitik wirk­lich erstaun­lich und heut noch lesens­wert. (Deckt er sich doch – zumin­dest in den Aussagen und Beobachtungen – mit denen Bahro’s und Leonard’s.) Nur schei­nen mir die Konsequenzen, die Solschenizyn aus sei­ner Kritik zieht, nicht schlüs­sig.
Wenn er (immer­hin 1973!) schreibt:

Unsere Außenpolitik der letz­ten Jahrzehnte stellt sich so dar, als sei sie mit Absicht im Gegensatz zu den wah­ren Bedürfnissen unse­res Volkes auf­ge­baut. Wir haben die Verantwortung für die Schicksale Osteuropas über­nom­men, die mit unse­rem heu­ti­gen geis­ti­gen Niveau und unse­rer Fähigkeit, euro­päi­sche Bedürfnisse und Wege zu begrei­fen, nicht im Einklang steht. Seite 151

Und so schlägt er vor, dass der rus­si­sche, der sowje­ti­sche Staat sich aus der Weltpolitik zurück­zie­hen soll und das eigene, rie­sige Land erschlie­ßen (und dort in Frieden und Wohlergehen leben) soll. Na ja…

Meiner Kritik zum Trotze: den “Archipel Gulag” und das eine oder andere sei­ner Bücher werde ich wohl noch lesen.

Nic

Über Nic Frank

Hauptautor des Blogs, alles andere steht auf einer Extraseite.

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