[Erstveröffentlichung: 21. September 2007]

lolita lesen Azar Nafisi   Lolita lesen in TeheranLangsam, ganz lang­sam bekomme ich ein Bild vom aktu­el­len, nor­ma­len Leben im Iran. Schon “Wir sind der Iran” von Nasreen Alavi und die Marjane-Satrapis-Comics “Persepolis” haben mir etwas dar­über berich­tet.

Azar Nafisi jedoch ist eine hoch­ge­bil­dete Literaturprofessorin, die – quasi als Klammer – dar­über berich­tet, dass es schon ein klein wenig “Gegenrevolution” ist, wenn man im Iran der letz­ten Jahre west­li­che Literatur liest und lehrt.

So ist das Buch zum einen eine Bestandsaufnahme, eine Art Tagebuch einer, die keine Luft mehr bekommt in der Enge, die die Mullahs ver­ord­nen. Und zum Anderen ein Aufruf zum gewalt­lo­sen Widerstand; zum Erschaffen von Nischen inner­halb die­ser Gesellschaft. (Ich will nicht wie­der damit anfan­gen; aber immer erin­nert mich das an das Leben im gewe­se­nen Ländchen: die­ses Ausweichen ins Private wo der staat­li­che Druck zu groß wird. Jedoch rela­ti­viere ich inzwi­schen: in der klein­bür­ger­li­chen DDR war sogar die Unterdrückung klein­bür­ger­lich (und klein­lich), aber kaum töd­lich wie im Iran.)

Er [Gatsby] wollte sei­nen Traum ver­wirk­li­chen, indem er die Vergangenheit wie­der­holte, und am Ende fand er her­aus, daß die Vergangenheit tot war, die Gegenwart ein Trugbild und die Zukunft nicht vor­han­den. Ähnelte das nicht unse­rer [isla­mi­schen] Revolution, die im Namen einer kol­lek­ti­ven Vergangenheit begon­nen und unser Leben im Namen eines Traumes zer­stört hatte? Seite 189

Wegen der grund­ehr­li­chen und unauf­ge­reg­ten Art, in der A. Nafisi über das Leben in Theran berich­tet, wegen der tief­grün­di­gen Vermittlung (so ganz neben­her und wie im Vorübergehen) von Literatur und vor allem wegen der Warmherzigkeit, die aus jeder Zeile spricht, ist das Buch lesens­wert.
Was es zudem wirk­lich wich­tig macht ist, dass hier eine Stimme spricht, die sowohl den “Westen” als auch den “Orient” in sei­ner per­si­schen Form kennt und diese bei­den, so grund­ver­schie­de­nen Gesellschaftsideen weder ver­gleicht noch über­haupt gegen­über­stellt.

Nafisi ist eine Kosmopolitin. Und die Weltliteratur ist ihre Fahrkarte dahin. Sie erin­nert daran, dass auch im uns so fer­nen Iran Menschen leben, die Hoffnungen haben, sich ver­lie­ben, lesen, trau­rig sind und manch­mal bit­ter. Ganz nor­male Menschen mit ganz nor­ma­len Freuden und Kümmernissen. Von denen wir so wenig wis­sen. Und die wir durch sol­che Bücher bes­ser ken­nen­ler­nen kön­nen.

Nic

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