[Erstveröffentlichung: 28. August 2007]

bronsteinskinder becker Jurek Becker   Bronsteins KinderIn der Bibliothekt der Süddeutschen Zeitung sind ein paar wun­der­bare Bücher ver­legt wor­den. So auch die­ses hier: Bronsteins Kinder von Jurek Becker.

Diese Buch ist mehr als “ein deut­sches Sittengemälde” – wie Biermann auf dem Klappentext schreibt.
Es ist auch mehr als nur die Frage “Darf einer, der mit drei­ßig geschla­gen wird, mit sech­zig zurück­schla­gen”.

Bronsteins Kinder sind auch nicht nur die Hauptfigur, Bronsteins Sohn Hans und die (in kaum einer Rezension erwähnte) Tochter Elle. Es sind dies die Kinder der gesam­ten Generation der 70-iger im gewe­se­nen Ländchen: meine Generation.

Vor allem des­halb bin ich über­rascht, das ich das Buch bis­her noch nicht gele­sen habe. So kom­men hier doch zwei Gründe zusam­men, die mei­nen Lesegewohnheiten sehr ent­ge­gen­kom­men (eigent­lich sind es sogar drei): Ein Buch über jüdi­sches Leben in Deutschland, ein Buch über eine Zeit in der DDR, die ich eben­falls erlebt habe und drit­tens ist Becker ein Schriftsteller, den ich schon geraume Zeit kenne (Der Boxer, Jakob der Lügner).

Beckers Buch ist eine Abrechnung mit dem Umgang der DDR mit dem jüdi­schen Gedenken. “Antifaschistisch”, “demo­kra­tisch”, “nicht jude­n­un­freund­lich” nannte sich die­ses Land. Und doch… gab es kaum jüdi­sches Leben in der DDR – die Neue Synagoge zu Berlin wurde erst 1988 wie­der auf­ge­baut und Menschen wie die Brüder Andre und Wolfgang Herzberg erzähl­ten, wie schwer es in der “Hauptstadt der DDR” war, jüdi­schen Glauben zu prak­ti­zie­ren. (Man denke auch nur an das selt­sam unge­klärte diplo­ma­ti­sche Verhältnis der DDR zum Staat Israel, dem man als “Judenstaat” hofierte wegen der unend­li­chen Schuld, die Deutschland (also auch die DDR) auf sich gela­den hat in den Jahren des Dritten Reiches… und zum Andren wurde Arafat’s PLO mit Waffen und mili­tä­ri­schem Wissen aus­ge­rüs­tet… Aber diese zwei­schnei­dige Politik war und ist keine Erfindung des Ländchens…)
All dies spielt mit, wird ange­deu­tet, wenn in “Bronsteins Kinder” die Geschichte eines Deutschen Juden (Arno Bronstein) erzählt wird, der mit Freunden – die wie er im Konzentrationslager der Nazis saßen – eine ehe­ma­li­gen Aufseher gefan­gen hal­ten und zum Geständnis fol­tern. (Weil sie zwar wis­sen, dass die­ser von offi­zi­el­len Gerichten sofort zu lang­jäh­ri­ger Haft ver­ur­teilt wird, aber der Staat von ihnen nicht als Interessenvertreter wahr­ge­nom­men wird, da es ein deut­scher Staat ist.)

Der Sohn Hans, aus des­sen Perspektive die Geschichte erzählt wird, kommt dahin­ter. Und ist nicht in der Lage, sei­nen Vater zu ver­ste­hen (aber wer kann mit 18 seine Eltern ver­ste­hen?); noch ist jener bereit, sich zu erklä­ren. So kommt es zu einer immer grö­ße­ren Entfremdung der bei­den Sprachlosen. (Während die Schwester Elle – in einer geschlos­se­nen Anstalt lebend – die Dinge klar sieht und aus­spricht.)

Mich hat dies Buch sehr bewegt. Und ich denke, wer sich in einen Teil der Gedankenwelt der DDR der 1970-iger Jahre ein­den­ken will, kommt an die­sem Buch nicht vor­bei. Sowenig wie der, der die jün­gere deut­sche Geschichte ehr­lich sich anse­hen möchte, über Schuld und Sühne nach­den­ken möchte, ohne hier je Partei ergrei­fen zu kön­nen. Beide Parteien haben Recht. Beide Unrecht. Und ich sehe kei­nen Kompromiss – sowe­nig wie die Protagonisten des Buches.

Meine Hoffnung ist, dass die Zeit Wunden heilt und ein Besinnen auf die jüdi­schen Traditionen in der deut­schen Kultur wie­der geschieht. Wenn ich jedoch die Braune Brut mar­schie­ren sehe…

Nic

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