[Erstveröffentlichung: 20. Juni 2007]

kindheit garten Christoph Hein   In seiner frühen Kindheit ein Garten

Das vor­weg: das war eines die­ser sel­te­nen Bücher, die ich in weni­ger als 24 Stunden aus­ge­le­sen habe; eines, das ich nicht weg­le­gen konnte, ehe es aus­ge­le­sen.

Sei es, weil ich Christoph Hein mag (sein “Fremder Freund” hat mich nach­hal­tig beein­flusst), sei es, weil mich das Thema des Buches inter­es­siert.

Wer erin­nert sich noch an Bad Kleinen? Wofür ist das Synonym?
Wenn ich den Namen der Kleinstadt in der Nähe Schwerins höre, denke ich nicht an Urlaub oder länd­li­che Idylle. Sondern immer daran, dass dort im Juni 1993 ein Mensch starb: Wolfgang Grams. (Genaueres dazu auf der Webseite rafinfo.de)

In Heins Roman steht jedoch nicht das RAF-Mitglied Wolfgang Grams (im Buch: Oliver Zureck) im Mittelpunkt der Erzählung, son­dern sein Vater, ein staats­treuer Beamter, der her­aus­fin­den möchte, wes­halb sein Sohn ster­ben musste; der gegen den Staat, dem er die Treue geschwo­ren hat, klagt als er bemerkt, dass die­ser ver­tuscht, ver­schweigt, die Wahrheiten ver­biegt.
Grams Partnerin (und bei dem Vorfall in Bad Kleinen ver­haf­tete) Birgit Hogefeld legt er diese Worte in den Mund:

Unsere Menschlichkeit kann uns zu Unmenschlichkeiten füh­ren [...] Das Ungeheuer sind nicht wir, wir haben nur ver­sucht, das Ungeheuerliche nicht hin­zu­neh­men.. Das war unser Fehler, das ist die eigent­li­che Schuld, die wir auf uns gela­den haben. (S. 192)

So wie es in dem Buch viel um Schuld geht: die Schuld der Eltern, ver­sagt zu haben in der Erziehung, der Schuld der Lehrer, Irrelevantes – wenn nicht gar Falsches – gelehrt zu haben (Der Vater, Herr Zureck, war sein Leben lang Schuldirektor), die Schuld des Staates, der seine Bürger nicht schützt, son­dern (viel­leicht) ermor­det, ermor­den lässt.

Irgendwas gibt es, muss es geben, was hier pas­siert ist, hier in die­sem Haus. Die Über­le­ben­den haben immer Unrecht.Und sie haben Schuld. Sie wer­den ihr Leben lang diese schuld nicht mehr til­gen kön­nen. (S. 80)

Christoph Hein ist ein bewe­gen­des, poli­ti­sches Buch gelun­gen, dass an die (noch immer unauf­ge­ar­bei­tete) Geschichte der RAF erin­nert; auch wenn Hein, als “gelern­ter DDR-Bürger” nur Zaungast war.
Meiner Meinung nach: Pflichtlektüre für all jene, die an der jün­gere Geschichte Deutschlands inter­es­siert sind.

Ich war noch sehr jung, als zur Hexenjagd auf die “Baader-Meinhof-Gruppe” gebla­sen wurde. Und Bücher wie die­ses hier, Bölls “Die ver­lo­rene Ehre der Katharina Blum” oder der Fernsehfilm “Kinder unse­res Landes”[1] las­sen mich die Welt anders sehen.

Nic

[1]Vor vie­len Jahren gab es in der ARD einen Fernsehfilm “Kinder unse­res Landes”, der die Biographie einer RAF-Frau nach­zeich­net. Leider finde ich dazu keine Informationen. Wer dar­über etwas weiß: bitte Nachricht!

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Nic

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