Weil ich die drei hier abge­bil­de­ten jun­gen Männer ja recht gut kenne…und einen sehr gerin­gen Anteil daran habe, dass sie in Berlin sind, möchte ich natür­lich unbe­dingt auch auch den gest­ri­gen Artikel in der Zeit Online hin­wei­sen, den ich hier ein­mal aus­nahms­weise kom­plett über­nehme:

Sepehr Atefi, Ali Kantouri und Hesam Misaghi im Berliner Tiergarten, Foto: © Tobias Kruse

Eine Wohnung in Berlins Mitte wird neu bezo­gen. Ali bekommt das größte Zimmer. Sepehr nimmt das hellste Zimmer. Hesam begnügt sich mit dem klei­nen Zimmer zum Innenhof hin, dafür will er aber die Ecke im Flur, »da kommt die Bar hin«. – »Nee, das wird der Meditationsraum«, wit­zelt Sepehr.

Drei junge Männer ergrei­fen Besitz von ihrem neuen Zuhause, Reviermarkierung, WG-Gefrotzel. Als Hesam das Fenster öffnet, sagt er: »Wenn der ira­ni­sche Nachrichtendienst kommt, kön­nen wir hier über die Balustrade flüch­ten.« Alle drei lachen dar­über, jetzt, da sie in Sicherheit sind. Sie leben wie­der auf nach Monaten der Angst und Ungewissheit. Sie haben es nach Deutschland geschafft.

Im Sommer 2009 gab es in Iran eine umstrit­tene Präsidentschaftswahl. Die Opposition sprach von Betrug, es kam zu hef­ti­gen Protesten auf den Straßen Teherans. Die Regierung schlug die Grüne Revolution schließ­lich nie­der und ver­folgte die Aktivisten. 4000 Iraner flo­hen in die Türkei, wo sie seit­her unter schwie­ri­gen Bedingungen leben.

Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen möchte sie auf andere Staaten ver­tei­len, sein Wunsch fin­det aber kaum Resonanz. Die Bundesregierung wollte ursprüng­lich nur 20 Menschenrechtlern, Journalisten, Bloggern und Studenten Schutz gewäh­ren. Jetzt sind es immer­hin 50. Ali Kantouri, Sepehr Atefi und Hesam Misaghi zäh­len zu den ers­ten, die jetzt da sind.

Hesam Misaghi erin­nert sich noch an den Tag sei­ner Ankunft in Berlin. Es war der 29. Juli 2010. »Ich spürte ein Gefühl der Freiheit, das ich in Iran nie hatte. Zum ers­ten Mal kann ich jetzt wie­der an mein eige­nes Leben und an die Zukunft den­ken.«

Da hatte schon eine mona­te­lange Odyssee hin­ter dem schmäch­ti­gen Studenten der Anglistik gele­gen, des­sen dunkle Brille fast als das Größte an ihm erscheint. In sei­ner Heimatstadt Isfahan gehörte der 22-Jährige zum Komitee der Human Rights Reporters. Sein Freund Sepehr Atefi, der Abiturient, war auch dabei. Sie wuss­ten, dass es gefähr­lich war, auf ihrer Website über die Menschenrechtsverletzungen in Iran zu berich­ten.

Als nach der Präsidentschaftswahl im letz­ten Sommer etli­che ihrer Mitstreiter hin­ter Gefängnismauern ver­schwan­den, tauch­ten die bei­den Freunde unter. Schmuggler hät­ten ihnen im Winter über die Grenze in die Türkei gehol­fen, für viel Geld, sagen sie, auf unweg­sa­men Bergpfaden. »Die Türkei war die Hölle«, sagt Hesam Misaghi. Zu fünft in einer klei­nen Wohnung am Rande einer Trabantenstadt, ohne Arbeit, stets in Angst vor dem ira­ni­schen Nachrichtendienst.

Die Furcht vor Entdeckung – Ali Kantouri möchte nicht dar­über reden. Der 29-Jährige will lie­ber über Politik dis­ku­tie­ren, über die Rechtlosigkeit der Arbeiter in Iran, über die Unterdrückung der Frauen. Nur sto­ckend erzählt er, was er die letz­ten Jahre durch­lebt hat. »Sie haben mit mir das gemacht, was sie allen antun.« Die Vergangenheit nehme ihm die Luft zum Atmen, sie bereite ihm Kopfschmerzen, sie raube ihm den Schlaf.

Vor zwei­ein­halb Jahren, noch bevor die Grüne Revolution aus­brach, habe der ira­ni­sche Nachrichtendienst ihn als Polit- und Menschenrechtsaktivisten in die berüch­tigte Abteilung 209 des Teheraner Evin-Gefängnisses gesteckt. Dort hät­ten sie ihn ver­hört, Tag und Nacht, ihm die Augen ver­bun­den und mit fünf Mann auf ihn ein­ge­prü­gelt, ihn gede­mü­tigt. Sie hät­ten sei­nen Freunden vor sei­nen Augen die Genitalien ange­sengt. Sie hät­ten sei­nen jün­ge­ren Bruder gezwun­gen, seine Schmerzensschreie am Telefon mit anzu­hö­ren.

Ali Kantouri erzählt von plötz­li­chem Asthma, von 15 Kilogramm Gewichtsverlust; tod­krank sei er gewor­den. Erst gegen eine Kaution von 150.000 US-Dollar habe seine Familie ihn schließ­lich frei­be­kom­men. Mit ihrem gesam­ten Grundbesitz habe sie für ihn gebürgt. Nun könne seine Familie womög­lich alles ver­lie­ren, weil er vor den fast 18 Jahren Gefängnis, zu denen ihn ein Gericht schließ­lich wegen Unruhestiftung ver­ur­teilt habe, geflo­hen sei.

Seine Knie wer­den unru­hig unter dem Tisch. Von dem, was hin­ter ihm liegt, zu erzäh­len, strengt ihn sicht­lich an. »Jetzt reicht es«, sagt er. Außerdem, was solle schon sein? »Es geht mir doch gut.« Im Berliner Behandlungszentrum für Folteropfer hat er einen Therapieplatz gefun­den.

Ali Kantouri hat Glück gehabt, und er weiß das. Er genieße »diese Atmosphäre von tief­grün­di­ger Freiheit« in sei­nem Exil. »Ich freue mich, dass ich hier Deutschland sein kann, aber ich bin trau­rig dar­über, dass Tausende andere diese Möglichkeit nicht haben.«

Und so zieht er jetzt jeden Freitagabend mit sei­nen Schicksalsgenossen vor das Brandenburger Tor. Dort zeigt die Iran-Mahnwache Berlin seit einem Jahr Solidarität mit der Grünen Revolution. Zu ihren Forderungen zählt die Aufnahme wei­te­rer ira­ni­scher Flüchtlinge in Deutschland. Die Aktivisten ver­le­sen eine Liste mit Namen: »Vermisst seit dem 8. August 2009 in Iran.« – »Inhaftiert und gefol­tert seit fünf­zehn Monaten in Iran.«

Ali Kantouri, Hesam Misaghi und Sepehr Atefi ste­hen nicht mehr auf der Liste. Sie kön­nen ihre Zukunft pla­nen. Hesam Misaghi will in Deutschland stu­die­ren, Soziologie oder »etwas mit Film«. Ali Kantouri, einst erfolg­rei­cher Karatekämpfer, wird erst­mals seit Jahren wie­der trai­nie­ren. Sepehr Atefi will stu­die­ren und Schriftsteller wer­den. Alle drei träu­men davon, nach Iran zurück­zu­keh­ren, irgend­wann.

Jetzt eig­nen sie sich erst ein­mal die Berliner Gegenwart an. »Wohnberechtigungsschein«, »Jobcenter«– das sind ihre ers­ten Brocken Amtsdeutsch. Der Behördendschungel scheint undurch­dring­lich, aber es gibt Deutsche und Iraner, die ihnen hin­durch hel­fen. Zudem haben sie ein Empfehlungsschreiben des Berliner Senats in der Tasche. Sie haben eine Ausnahme-Aufenthaltserlaubnis, die es ihnen gestat­tet, zu arbei­ten und zu stu­die­ren. Und jetzt haben sie eine Wohnung.

Vor zwei Wochen hat ihnen die zuvor­kom­mende Dame im Jobcenter der Arbeitsagentur das Geld für die Wohnungseinrichtung bewil­ligt. »Damit Sie hier einen guten Start haben.«

Und die Sprache? Sepehr Atefi hat gelernt, dass Essen in Deutschland »lecker schmeckt«. Ali Kantouri mag das Wort »roman­tisch«. In Hesam Misaghis neuem Wortschatz fin­det sich seit die­sem Sommer ein Satz, den auch die ande­ren bei­den sagen könn­ten: »Ich bin opti­mis­tisch.«

Ich möchte an die­ser Stelle noch ein­mal all denen dan­ken, die ermög­licht haben, dass die drei Jungs hier sind, hier sein kön­nen.

Nic

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Nic

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3 Responses to 3 von 50 von 4000

  1. [...] ich schon ein­mal auf einen Artikel in der Zeit hin­wies, der sich mit “unse­ren Jungs” befasst hat, und für den hpd ein Interview mit ihnen [...]

  2. [...] This post was men­tio­ned on Twitter by NineBerry, Nic. Nic said: Neu: 3 von 50 von 4000 http://wp.me/pUxMf-MI [...]

  3. 3 von 50 von 4000…

    4000 Iraner flo­hen ver­gan­ge­nes Jahr in die Türkei. 50 von ihnen fin­den jetzt in Deutschland Asyl, 3 haben wir in Berlin besucht. Eine Wohnung in Berlins Mitte wird neu bezo­gen. Ali bekommt das größte Zimmer. Sepehr nimmt das hellste Zimmer. Hesam begnü…