middlePolizei Sind Sitzblockaden Zeichen von Zivilcourage?Diese Frage stellt sich. Denn mein Kollege Arik hat auf sei­ner Seite wis­sen­rockt einen Artikel von Dr. Frank Berghaus ver­öf­fent­licht, in dem die­ser die Auffassung ver­tritt, dass Sitzblockaden gegen Nazis wie am 1. Mai in Berlin kein Zeichen von Zivilcourage sind, son­dern viel­mehr ein Zeichen von unde­mo­kra­ti­schen Handeln. Und somit Humanisten nicht ange­mes­sen.

Auslöser der Kontroverse war ein Artikel, den Thomas Hummitzsch für den HVD Berlin beim Humanistischen Pressedienst ver­öf­fent­lichte: Respekt für Zivilcourage, in dem er schreibt:

Der Vorstand des Berliner Landesverbandes im Humanistischen Verband Deutschlands (HVD Berlin) begrüßt aus­drück­lich, dass am 1. Mai 2010 über 10.000 Menschen mit Demonstrationen und Blockadeaktionen den Aufmarsch von Neonazis im Berliner Stadtteil Pankow zum Scheitern gebracht haben. Die Nazi-Blockade war legi­tim und ein gro­ßer Erfolg! Darüber hin­aus sprach der Landesvorstand den zahl­rei­chen pro­mi­nen­ten Persönlichkeiten, die vor Ort Zivilcourage gezeigt und sich an den Protesten betei­ligt haben, aus­drück­lich sei­nen Respekt und seine Rückendeckung aus.

Dagegen pole­mi­siert Dr. Berghaus:

Er [Th. Hummitzsch bzw. der HVD Berlin] for­dert nicht weni­ger als „Respekt für Zivilcourage“ für ein­deu­tige Gesetzesbrecher. Fordert er den Staatsnotstand ein zur Rechtfertigung von Nötigung und Widerstand gegen poli­zei­lich rechts­staat­li­che Maßnahmen? Soweit geht er natür­lich nicht. Er ver­tei­digt die Sitzblockaden von Thierse und Co als „Zivilcourage“ gegen das Gespenst der Neo-Nazis.

Neonazis sind keine Gespenster. Sie sind Realität!

Wenn man Wolfgang Thierse mög­li­cher­weise etwas vor­wer­fen könnte, dann, dass er sich vor allem für die unzäh­li­gen Kameras vor die Absperrung der Polizei setzte. Ihm jedoch zu unter­stel­len, damit unde­mo­kra­tisch gehan­delt zu haben, halte ich für eine ziem­li­che Frechheit. Denn diese Unterstellung trifft alle, die gegen den Nazi-Aufmarsch auf der Straße waren.

Dass die NPD eine zwar zuge­las­sene, nichts­des­to­trotz unde­mo­kra­ti­sche Partei ist, steht wohl außer Frage. Wer dies ver­neint steht ver­mut­lich auf nicht son­der­lich fes­tem, demo­kra­ti­schem Grund.

Ich habe in einem Kommentar auf Dr. Berghaus’ Artikel geschrie­ben: “Wer also den Nazis das Demonstrationsrecht zuge­steht und gleich­zei­tig den Gegendemonstranten das Recht abspricht, ihre Meinung non­ver­bal und ver­bal kund zu tun, sollte dar­über nach­den­ken, ob gerad die deut­sche Geschichte nicht schon deut­lich genug gezeigt hat, was pas­sie­ren kann, wenn man einer unde­mo­kra­ti­sche Partei die Okkupation des demo­kra­ti­schen Staates zuge­steht… das erste, was geschah war die Abschaffung eben der Demokratie, die den Weg zur Macht ebnete.” Und dazu stehe ich, selbst wenn mir einige Kommentatoren – die ich kenne und auch als Humanisten schätze – wider­spro­chen haben. Von mir aus mag man mich ruhig einen “Altlinken” nen­nen; aber der Spruch “Keine Toleranz für Intoleranz” gilt für mich noch immer.

Drei Frauen Sind Sitzblockaden Zeichen von Zivilcourage?Die Frage läuft dar­auf hin­aus: Kann Humanismus poli­tisch sein? Für mich ist er es, und er muss es auch sein. Denn im dem Moment, da ich mich gegen Ungerechtigkeiten wehre; in dem ich täti­gen (bür­ger­li­chen) Humanismus lebe, muss ich Stellung bezie­hen. Und da ich das inner­halb der Gesellschaft tun muss, muss mein Tun und Reden poli­tisch sein. Philosophieren im Elfenbeinturm ist nicht mehr up to date.

Und ich möchte hin­sicht­lich der Kommentare eines noch klar­stel­len: Nicht Wolfgang Thierse als Person des öffent­li­chen Interesses, als geschütz­ter Politiker, hat bei der Sitzblockade Courage gezeigt. Das waren die 10.000 ande­ren. “Gut orga­ni­siert und vor allem enga­giert waren hin­ge­gen die AntifaschistInnenen, die sich laut, deut­lich und schließ­lich erfolg­reich gegen den Aufmarsch der Neonazis wehr­ten. An allen wich­ti­gen Punkten rund um die Demonstrationen wur­den Sitzblockaden errich­tet, so dass sich der Aufmarsch ca. 5 Stunden spä­ter nur sehr schlep­pend in Gang setzte und schließ­lich an der Schönhauser Allee nach knapp 600 Metern statt geplan­ten 6 Kilometern zur Umkehr gezwun­gen wurde.” (Quelle: hpd)

So liest sich das in einem offe­nen Brief des­VVN:

Eine aktive Zivilgesellschaft ist der Kern jeder Demokratie. Wir wen­den uns ent­schie­den gegen jeden Versuch die­ses zivil­ge­sell­schaft­li­che Engagement zu kri­mi­na­li­sie­ren. Sitzblockaden sind keine Straftaten, son­dern ein legi­ti­mes Mittel der Meinungsäußerung in Form zivi­len Ungehorsams und wer­den höchs­ten als Ordnungswidrigkeit geahn­det. Dieses Risiko sind wir bewusst ein­ge­gan­gen, denn nur breite demo­kra­ti­sche Bündnisse wer­den auch zukünf­tig in der Lage sein, deut­lich zu zei­gen, dass Neonazis in unse­rer Gesellschaft keine Akzeptanz fin­den und ihre Versuche die wirt­schaft­li­che und soziale Krise für ihre Zwecke zu instru­men­ta­li­sie­ren zum Scheitern ver­ur­teilt sind.

Nic

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Der Verleger des Scorpio-Verlags
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